News

Cyberpedia – Wissensdatenbank für die Geschäftsleitung

Was wir als familiengeführte Kanzlei aus der Jahrhundertchance gemacht haben.

Autor: Willi Plattes LinkedIn
Erstveröffentlichung: 04. Oktober 2026
Lesezeit: 5 Min.
KI-Illustration: CEO Willi Plattes in seinem Büro mit Blick auf die Kathedrale

Artikel anhören

Hörfassung
0:00–:––
Audio-Erklärung zum Artikel

Vor drei Wochen habe ich hier über Peter Drucker geschrieben – und über Tim Höttges und Roland Busch, die auf der Digital X die Jahrhundertchance für Deutschland beschrieben haben. Vor zwei Wochen ging es um die Kehrseite: Angela Merkels „mentale Atrophie“ und die Frage, wer noch selbst denkt. Ich habe versprochen zu sagen, was der Mittelstand aus alldem lernen kann, lernen sollte und lernen muss. Ich könnte das jetzt theoretisch tun, mit Studien und Handlungsempfehlungen. Ich mache etwas anderes: Ich erzähle, was wir selbst getan haben. Denn wir sind Mittelstand – eine international tätige Rechts- und Steuerberatungskanzlei, kein Konzern mit Milliardenbudget.

Die Uhr, die nicht stehen bleibt

Ein Satz von Roland Busch lässt mich seit Köln nicht los. Die Dampfmaschine brauchte 60 Jahre, um die Gesellschaft zu durchdringen. Der Strom 30. Das Internet 15. Die Künstliche Intelligenz wird es in sieben bis acht Jahren schaffen – und drei davon sind bereits vorbei.

Ich gebe zu: Diese Geschwindigkeit erschreckt mich. Wer versucht, das exponentielle Wachstum der KI mit den Maßstäben früherer Umbrüche zu messen, ist überfordert. Das zu sagen, ist kein Defätismus. Es ist Ehrlichkeit. Aber aus dem Erschrecken folgt eine Entscheidung: erstarren oder sich auseinandersetzen. So ist es mit epochalen Veränderungen. Man hat sie nicht gewählt. Aber man wählt, wie man ihnen begegnet.

Was wir getan haben

Wir haben uns entschieden, KI in die eigene Organisation zu bringen – in unsere Prozesse, in die tägliche Arbeit. Nicht als Experiment nebenbei, sondern als Weg, den die ganze Kanzlei geht.

Und dabei geschah etwas, das ich so nicht erwartet hatte. Wer als Rechts- und Steuerberatungskanzlei KI ernsthaft einsetzt, muss sich zwangsläufig mit dem gesamten rechtlichen und administrativen Rahmen auseinandersetzen, der diese Technologie umgibt – europäisch und deutsch, von der Regulierung bis zur Verwaltungspraxis. Aus dieser Notwendigkeit ist etwas gewachsen: eine systematische Rechtsdatenbank rund um Cyber- und KI-Recht. Über 800 Stunden juristischer Arbeit. Rund 28.000 Begriffe. Wir nennen sie Cybepedia, und sie ist Teil unserer Wissensplattform . Wir haben sie entwickelt.

Das Entscheidende an ihr ist nicht der Bestand, sondern die Bewegung. Recht in diesem Feld ist nie fertig. Es ändert sich, wird ergänzt, wird diskutiert, bevor es Gesetz wird. Deshalb arbeitet die Datenbank in einer Dauerschleife: Mithilfe von KI werden alle Änderungen, alle kommenden Regelungen und auch das, was erst in der Diskussion ist, laufend erfasst und systematisch eingearbeitet. Wir kontrollieren die rechtliche Entwicklung nicht – das kann niemand. Aber wir nehmen sie auf. Fortlaufend, Tag für Tag.

Genau das meinte Busch, als er sagte, die Antwort auf den Wettbewerb sei nicht, billiger zu werden, sondern eine andere Value Proposition: Domänen-Know-how plus die eigene Arbeit an den Daten. Unser Domänen-Know-how ist das Recht. Unsere Daten sind das, was wir daraus systematisch aufgebaut haben. Das ist die Jahrhundertchance, heruntergebrochen auf eine Kanzlei – und sie steht jedem Mittelständler offen, der sein eigenes Feld genauso ernst nimmt. Der Maschinenbauer hat sie in seinen Konstruktionsdaten. Der Händler in seinen Kundenbeziehungen. Der Handwerker in dem, was er in dreißig Jahren über seine Gewerke gelernt hat. Niemand sonst hat diese Daten. Das ist der Punkt.

Der Geist muss im Haus entstehen

Und damit bin ich beim wichtigsten Punkt, und der handelt nicht von Technologie. Peter Drucker hat gesagt, jede Institution müsse ihre Mitarbeiter produktiv machen. Ich übersetze das für unsere Zeit so: Sie muss ihre Menschen in die neue Welt mitnehmen.

Deshalb gilt das, was ich hier schreibe, zuerst den Kolleginnen und Kollegen in unserer eigenen Kanzlei. Der jüngste Geist ist nichts, was eine Geschäftsleitung verordnen kann. Er entsteht dort, wo Menschen diskutieren, ausprobieren, widersprechen, dazulernen – und er wächst genau durch diese Reibung. Eine Kanzlei, in der nur der Chef an KI glaubt, bleibt unter ihren Möglichkeiten. Eine Kanzlei, in der alle darüber streiten, wie man sie am besten einsetzt, hat eine Zukunft.

Und es gilt unseren Kolleginnen und Kollegen im Berufsstand. Die Rechts- und Steuerberatung wird von dieser Veränderung nicht verschont. Sie wird von ihr durchdrungen werden wie jede andere Branche auch. Wir können warten, bis das geschieht. Oder wir können jetzt anfangen, diese Welt mitzugestalten. Wir haben uns für das Zweite entschieden, und ich lade jeden ein, der diesen Weg mitgehen will.

Vier Jahre

Von Buschs sieben Jahren sind drei vorbei. Was bleibt, sind vier – vier Jahre, in denen sich entscheidet, wer die Jahrhundertchance ergreift und wer ihr zusieht. Drucker hätte dazu eine einfache Frage gestellt, dieselbe wie immer: Wofür sind wir gut? Wir haben angefangen, unsere Antwort zu geben. Nicht, weil wir fertig wären. Sondern weil man mit einer soliden Grundlage besser weiterarbeitet als mit guten Vorsätzen.

Meine Frage – und Ihre

Meine Frage an Sie ist Druckers Frage, nur einen Schritt weiter: Wofür sind Sie gut – und in welchen Daten steckt dieses Können, die niemand außer Ihnen hat? Wenn Sie darauf in fünf Minuten keine Antwort finden, ist das kein Grund zur Sorge. Es ist der Anfang der Arbeit.

Und eine zweite Frage hebe ich mir für den Januar auf. Bei unserer Mandelblüte auf Mallorca, vom 28. bis 30. Januar 2027, sitzt mir Christoph Ahlhaus vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) gegenüber. Er hat das Geleitwort zu meinem Buch „Zukunft mit der Datenmacht des Mittelstands“ geschrieben, das nun erschienen ist – und darin einen Satz, der dieses Essay besser zusammenfasst als ich es könnte: Der Mittelstand habe seine Krisen gemeistert, weil er die Fähigkeit besitze, Verantwortung nicht zu delegieren. Neben ihm Elke Anderl aus der Geschäftsführung von T-Systems, die mit ihrem Team Unternehmen durch genau diese Transformation begleitet. Ich werde die beiden fragen: Was hat der deutsche Mittelstand, das eine KI nicht kopieren kann – und warum nutzt er es so zögerlich? Wenn Sie eine Frage haben, die dort beantwortet werden sollte, schreiben Sie sie unter diesen Beitrag. Ich stelle sie im Januar.

Am nächsten Sonntag wird es konkret. Es geht um einen einzigen Satz, der in vielen Protokollen steht und im Ernstfall dünn klingt: „Das macht unsere IT.“

Quellen: Aussagen von Roland Busch (Siemens) und Tim Höttges (Deutsche Telekom) auf der Digital X, Köln, September 2026; Peter Drucker nach Jannik Deters, „Jüngster Geist, immer noch“, WirtschaftsWoche Nr. 29/2026; Christoph Ahlhaus, Geleitwort zu „Zukunft mit der Datenmacht des Mittelstands“; Programm Mandelblüte 2027, Stand 10.09.2026.

Weiterführende Informationen zum Thema