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Die Zukunft fährt chinesisch – und was macht Deutschland?

Bestsellerautor und China-Experte Frank Sieren über den Maextro, Huawei, autonomes Fahren und die neue Stärke der chinesischen Industrie. Im Januar 2027 ist er als Referent bei unserem Event „Mandelblüte - Familienvermögen in Krisenzeiten“ zu Gast.

Autor: Willi Plattes LinkedIn
Erstveröffentlichung: 08. November 2026
Lesezeit: 1 Min.
Frank Sieren vor Maextro Limousine
Podcast · Folge 357 · 35:31

China war lange der Lehrling der deutschen Automobilindustrie. Heute haben sich die Kräfteverhältnisse verändert. Im Podcast spricht PlattesGroup CEO Willi Plattes mit Bestsellerautor und China-Experte Frank Sieren darüber, warum China inzwischen nicht nur im Volumensegment, sondern auch bei Premiumfahrzeugen, Software und autonomem Fahren Maßstäbe setzt.

Im Mittelpunkt steht der Maextro S800. Frank Sieren ist die chinesische Luxuslimousine selbst gefahren und schildert, warum das Fahrzeug aus seiner Sicht auf Augenhöhe mit etablierten Premiummarken unterwegs ist. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Huawei mit seiner Technologie für autonomes Fahren.

Doch das Gespräch geht weit über ein einzelnes Auto hinaus: Sind wirklich staatliche Subventionen der entscheidende Wettbewerbsvorteil Chinas? Oder liegen die größeren Unterschiede inzwischen bei Innovationsgeschwindigkeit, Produktionskosten und technologischer Entwicklung?

Auch die nächste industrielle Revolution kommt zur Sprache: automatisierte „Dark Factories“, humanoide Roboter und die Frage, was passiert, wenn Produktion künftig immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt.

Ein Gespräch über China, Deutschland und die Frage, wie die deutsche Industrie wieder international wettbewerbsfähiger werden kann.

Frank Sieren ist im Januar 2027 bei unserem Event „Mandelblüte - Familienvermögen in Krisenzeiten“ zu Gast. Dort wird nicht die im Podcast thematisierte Limousine Maextro S800, sondern der Maextro V800 live präsentiert, ein geräumiger Luxus-Van mit sieben Sitzen und deutlich mehr Platz. Dabei handelt es sich um eine Europa-Premiere.

Während der drei Tage geht es außerdem um den Standort Deutschland, um Cybersicherheit sowie um grenzüberschreitende Nachfolgeplanung.

08. November 2026

Ganze Folge zum Nachlesen

Willi Plattes
Einen wunderschönen guten Morgen allerseits aus unserem Studio von der schönsten Insel der Welt. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Heute habe ich einen besonderen Gast aus Peking zugeschaltet. Ich begrüße den China-Experten schlechthin: Frank Sieren.

Frank Sieren
Schöne Grüße aus Peking.

Willi Plattes
Mein lieber Frank, wir waren letztes Jahr gemeinsam bei unserem Event Mandelblüte. Wir wiederholen dieses Event jetzt Ende Januar, und ein großes Thema wird uns bewegen, das wir unter dem Dach „Jammern ist keine unternehmerische Aktivität“ zusammenfassen. Auch mit unserem Medienpartner The Pioneer haben wir darüber diskutiert, dass in der deutschen Presse viel über China geschrieben wird, unter anderem darüber, ob Subventionen zu hoch sind oder was auch immer. Und dann haben wir uns entschieden: Wir wollen nicht nur über China schreiben und reden, sondern wir wollen China auch zeigen. Deswegen ist es uns in einer gemeinsamen Kraftanstrengung gelungen, zwei innovative Dinge bei unserer Mandelblüte auf der schönsten Insel der Welt zu präsentieren. Das wird einerseits der chinesische Rolls-Royce oder Maybach sein, wie man ihn auch bezeichnen möchte: der Maextro S800. Ein tolles Auto. Du hast ihn gefahren, und wir sind gespannt auf das, was du dazu sagst. Wir erinnern uns vielleicht auch noch an die Berichterstattung über Friedrich Merz, als er in China war. Dort haben wir die tanzenden Roboter im Fernsehen gesehen. Und auch da noch einmal ein Dank an Frank Sieren, der sich sehr dafür eingesetzt hat: Diese humanoiden Roboter werden ebenfalls da sein. Heißt also: Wir werden nicht nur über China reden, sondern wir werden China auch zeigen. Darauf freue ich mich sehr. Lieber Frank, bevor wir darüber konkreter reden, möchte ich einfach einmal ein paar Zahlen nennen, die den Mittelstand betreffen. Mal unabhängig davon, dass wir wahrscheinlich bei Volkswagen über 100.000 Jobs verlieren werden und dass im Zulieferbereich in Deutschland sehr viele Stellen abgebaut werden. Einfach einmal die nackten Zahlen: In Deutschland kostet eine Produktivstunde in der Automobilindustrie 49,50 Euro, in Ungarn 15,60 Euro. In Deutschland werden jährlich 1.339 Stunden gearbeitet, in Ungarn 1.669. Wir haben in Deutschland eine Krankheitsquote von 8 bis 10 Prozent, bezogen auf die Arbeitsstunden, und in Ungarn von 3 Prozent. Diese Zahlen sind für mich sehr erhellend. Wenn ich die politische Diskussion höre, wird immer nur gesagt: China subventioniert die Automobilindustrie. Ich kann mir vorstellen, dass die Zahlen, die ich jetzt genannt habe, im Vergleich zu China wahrscheinlich noch einmal anders aussehen. Diese Schere zwischen Subventionen und wirklichen Entstehungskosten ist ja auch ein Riesenthema. Wie denkst du darüber? Wie ist deine Einschätzung der politischen Diskussion? Ist es wirklich ein Kostenvorteil, ein Innovationsvorteil oder ist es reine Politik?

Frank Sieren
Es ist vor allem ein Innovationsvorteil. Selbstverständlich wurde diese Industrie subventioniert, damit sie überhaupt starten konnte. Der Staat hat im Grunde jedes Auto unterstützt. Interessant ist aber, dass der Staat diese Unterstützung nicht vorab gibt, sondern erst dann, wenn das Auto verkauft ist. Damit stellt man sicher, dass man nicht Autos subventioniert, die eigentlich auf dem Markt nicht überleben können. Die zweite Spielregel – und damit kann das Gejammer vielleicht auch etwas geringer werden – ist: Diese Subventionen gab es auch für ausländische Fahrzeuge. In seinen besten Jahren hat Elon Musk in China von der chinesischen Regierung rund 340 Millionen pro Jahr an Unterstützung beziehungsweise Investitionen bekommen. Auch die Deutschen hätten diese Subventionen bekommen. Aber sie hatten eben keine wettbewerbsfähigen Autos im Markt. Das Subventionsthema ist für diese Entwicklung also nur teilweise relevant. Entscheidend ist, dass es den Chinesen gelungen ist, in einem neuen Bereich der Mobilität, nämlich der Elektromobilität inklusive Vernetzung und autonomem Fahren, die Innovationsrichtung und die Innovationsgeschwindigkeit zu bestimmen. Wir sind plötzlich aus einer Situation, in der wir diese Entwicklung bestimmt haben, in eine Lage geraten, in der wir ihr hinterherlaufen müssen. Die Chinesen sind inzwischen durchaus in der Lage, auch marktwirtschaftlich wettbewerbsfähige Fahrzeuge zu produzieren. Das zeigt sich vor allem jetzt, nachdem die chinesische Regierung die Subventionen weitgehend abgeschafft hat. Natürlich gibt es eine Konsolidierung. Aber man sieht schon im ersten Halbjahr, dass einer der führenden Hersteller wie BYD noch eine Marge von über 4 Prozent hat. Davon träumt VW. Das heißt: Die großen und führenden Hersteller werden diese Konsolidierungsphase überleben. Aber man muss auch sagen: Von den rund 130 Herstellern, die sich dort tummeln, werden wahrscheinlich 115 oder 120 in die Insolvenz gehen. Das bedeutet wiederum, dass die übrig gebliebenen Hersteller noch viel stärker und wettbewerbsfähiger werden, als sie heute schon sind.

Willi Plattes
Das sehe ich auch sehr kritisch. Denn der große Vorteil, den die Deutschen als Automobilland hatten, war diese Ingenieurskunst. Wir haben wirklich auf Technik gesetzt. Audi hat daraus mit „Vorsprung durch Technik“ eine riesige und erfolgreiche Werbekampagne gemacht. Heute hat man dagegen das Gefühl, wenn man in ein Auto steigt, sitzt man in einem fahrenden Handy. Und genau das meinst du wahrscheinlich mit Innovation. Was ich bei den Volumenmodellen sehe: Wir hier in Spanien haben bedeutend mehr chinesische Autos auf den Straßen als in Deutschland. In Deutschland werden die Wurzeln zur eigenen Industrie natürlich noch stärker gelebt, weil viele Deutsche deutsche Autos kaufen. Aber der Trend ist ja irre. Die Chinesen bauen mittlerweile Fabrikkapazitäten in Ungarn und in Spanien auf. Mercedes geht nach Ungarn, VW will nach Ungarn gehen. Damit verbessert man aber zunächst nur ein Thema: den Kostenvorteil. Der Innovationsvorteil ist noch einmal ein anderer.

Frank Sieren
Das merkt man inzwischen auch in Europa. Wenn man sich die Zahlen des ersten Halbjahres anschaut, dann sind die Chinesen in Europa bei den E-Autos schon bei knapp 20 Prozent Marktanteil, obwohl sie noch gar nicht richtig angekommen sind. Bei den Plug-in-Hybriden, die also sowohl einen Verbrenner als auch einen Elektromotor haben, liegen sie sogar bei 34 Prozent. Das sind Entwicklungen, die jetzt mit einer dramatischen Geschwindigkeit nach Europa kommen und die wir unterschätzt haben – ähnlich wie zuvor die Entwicklung in China.

Willi Plattes
Wie ist denn dein Szenario? Wird die deutsche Automobilindustrie weiterbestehen können? Oder müssen wir uns sehr viele Anleihen in China holen? Ich schildere einmal die Meinung eines Vorstandes eines großen Telekommunikationsunternehmens. Der sagt: Ich fliege alle zwei, drei Monate nach China und hole mir dort eine Druckbetankung in Sachen Innovation. Ich verstehe noch nicht ganz, warum die deutsche Industrie diese Innovationsschübe nicht entsprechend umsetzen kann. Das verwirrt mich, und ganz ehrlich gesagt macht mich das auch traurig.

Frank Sieren
Das ist auf der anderen Seite sehr menschlich. Wenn man jahrzehntelang führend war, dann hat man sich daran gewöhnt. Und der Übergang vom berechtigten Stolz zur Borniertheit ist ein fließender Übergang. In dieser Phase kommt es dazu, dass man, weil man so stolz auf seine Produkte ist, die Entwicklungen der Wettbewerber unterschätzt. Das gilt für Tesla ebenso. Wir erinnern uns an Äußerungen aus der deutschen Automobilindustrie, bei denen man sich noch über Tesla lustig gemacht hat. Das Gleiche gilt natürlich auch für die chinesischen Autohersteller. Dann kommt man plötzlich in eine Situation, in der man zwar aufwacht, aber nicht mehr in der Geschwindigkeit aufholen kann, in der sich die chinesischen Marken und Hersteller weiterentwickeln. Dann wird es sehr stressig. In China kommt noch eine Binsenweisheit hinzu: Jetzt, wo die chinesischen Autos genauso gut oder teilweise besser sind als die deutschen, kaufen die Chinesen lieber chinesische Autos. So wie die Franzosen, solange es geht, französische Autos kaufen und die Deutschen deutsche Autos. Das macht es für die deutschen Hersteller doppelt schwer. Selbst wenn sie inzwischen Produkte haben, die auf gleichem Niveau sind wie die chinesischen – zum Beispiel der neue Audi, der hauptsächlich in China entwickelt wurde –, sagen viele Kunden: Deutsche Autos, das war früher. Damals waren die Chinesen noch die Lehrlinge der Deutschen. Heute ist das umgekehrt. Deshalb fahren wir lieber chinesische Autos, auch um zu zeigen, wie stolz wir auf unser Land, auf die Entwicklungsgeschwindigkeit und auf diesen Boom sind. Das macht es natürlich sehr schwierig. In Europa wiederum kommen die chinesischen Hersteller vor allem über den Preis in den Markt. Und in dem Maße, in dem die Wirtschaft schwächelt – und es sieht im Moment nicht danach aus, dass wir in Europa einen großen Turnaround bekommen –, schauen die Leute stärker auf den Preis. Wenn ich ein Auto in der Größe eines Polo mit voller Ausstattung für 8.000 Euro neu bekomme, dann sage ich möglicherweise: Die Marke ist mir egal, ich kaufe lieber dieses Auto. Das heißt: Die Deutschen müssen mit den Kosten runter. Das geht leider nicht anders. Und sie müssen genauso gute Produkte herstellen wie die Chinesen.

Willi Plattes
Das ist den Chinesen im Bereich der Volumenmodelle ja absolut gelungen. Sie drängen dort auf den Markt. Ich erinnere mich noch an eine Aussage von Herbert Diess, der vor fünf Jahren bei unserem Event NEU DENKEN war. Er sagte damals: Im Bereich der Luxusautos haben wir einen Vorteil. Es dauert Jahrzehnte, bis die Chinesen das aufgeholt haben. Und jetzt haben wir den Maextro S800. Ich habe mir dieses Auto bisher nur im Video angeschaut, aber das, was ich sehe, begeistert mich, muss ich ganz offen sagen. Erstens vom Design, vom Aussehen und natürlich von der Technik, zu der du wahrscheinlich gleich noch etwas sagen wirst. Dieses Auto ist, glaube ich, in China bereits über 12.000-mal verkauft worden. Das ist ein absoluter Blockbuster. Kannst du dazu etwas sagen?

Frank Sieren
Ich kann dazu sagen, dass Herr Diess es mit der deutschen Autoindustrie sicherlich sehr gut gemeint hat. Aber jetzt muss man feststellen: Er hat sich geirrt. Das, was im Volumenbereich passiert, passiert inzwischen auch im Premiumbereich. Nur einmal eine Zahl: Porsche hat im ersten Halbjahr dieses Jahres in China keine 15.000 Autos verkauft. Das ist natürlich verheerend. Gleichzeitig gibt es Luxusmarken wie AITO oder Maextro, die schon heute Verkaufszahlen erreichen, mit denen sie den 7er-BMW, die S-Klasse beziehungsweise Maybach und den Audi A8 zusammen in den Schatten stellen. Die Entwicklung betrifft also nicht nur den Volumenbereich, sondern auch das Luxussegment. Und es gibt Marken wie Xiaomi, die gerade große Verträge mit deutschen Händlern abgeschlossen haben und im kommenden Jahr auf den Markt kommen wollen. Xiaomi hat eine Art Porsche-Killer entwickelt: ein Auto, das sich auf dem Niveau eines Porsche Panamera oder Taycan bewegt, aber unter 40.000 Euro kostet. Angeführt wird diese Premiumwelle tatsächlich von einem Auto wie dem Maextro S800. Das ist im Grunde ein Bentley mit einem Einstiegspreis von rund 80.000 Euro. Das Fahrzeug wurde gemeinsam von Huawei und JAC entwickelt. JAC wiederum ist pikanterweise derzeit ein wichtiger Partner von Volkswagen bei der Strategie, die Entwicklung der VWs in China zu lokalisieren, unter anderem in Hefei. Interessant ist, dass JAC dieses Fahrzeug eben nicht mit VW entwickelt hat, sondern mit einem Hightech-Partner wie Huawei. Dabei ist ein Fahrzeug herausgekommen, das einen in vielerlei Hinsicht erstaunt und durchaus auf Augenhöhe mit einem Bentley oder Maybach ist. Und es wird inzwischen von Chinesen lieber gefahren als manche traditionellen deutschen beziehungsweise europäischen Luxusfahrzeuge – einschließlich Rolls-Royce.

Willi Plattes
Unabhängig von deiner Beschreibung: Sag mir bitte einmal deine Emotionen, als du dieses Auto gefahren hast.

Frank Sieren
Das Auto ist wundersam. Erst einmal schwebt es über die Straße, ähnlich wie ein Bentley. Es ist ganz darauf ausgelegt, Unebenheiten abzufangen – darauf, dass trotz Schlaglöchern kein Tropfen Champagner aus dem Glas springt. Das Auto ist außerdem mit einem autonomen Fahrsystem von Huawei ausgestattet. Dazu muss man wissen, dass Huawei inzwischen wahrscheinlich weltweit führend bei autonomen Fahrsystemen ist. Es gibt dazu auch internationale Tests. Nur zum Vergleich: Waymo in den USA hat etwa 4.000 Autos auf der Straße. Huawei hat in China etwa 1,4 Millionen Autos auf der Straße, die jede Sekunde Daten sammeln und austauschen und damit die Software weiter verfeinern. Man muss also nicht mehr selbst fahren. Ich habe das Auto sogar in den engen Gassen Pekings getestet, wo teilweise links und rechts nur noch fünf Zentimeter Platz waren. Auch dort schlängelt sich dieses Riesenschiff durch. Das sind erstaunliche Entwicklungen, die man in Deutschland wahrscheinlich noch gar nicht so wahrnimmt. Ansonsten bietet das Fahrzeug Luxus pur. Man muss keinen Autotürgriff mehr anfassen, sondern mit einer Handbewegung geht die Tür auf und zu. Wenn man hinten sitzt, kann man eine Geräuschunterdrückung einstellen, sodass man nicht hört, was vorne passiert – und umgekehrt. Es gibt ein richtiges Kino. Wenn man das Kino einschaltet, werden die Scheiben dunkler. Die Bildqualität ist exzellent, selbst bei Tageslicht. Die Scheiben lassen sich entsprechend abdunkeln. Es gibt natürlich zwei Kühlschränke, und auch die Verarbeitung ist so, wie man sich Luxus vorstellt. Ich bin jetzt seit über 30 Jahren in China. Wenn man mich vor 15 Jahren gefragt hätte, ob so etwas möglich ist, hätte ich wahrscheinlich ähnlich geantwortet wie Herr Diess. Aber wir sind eines Besseren belehrt worden. Die Chinesen können inzwischen auch Premium.

Willi Plattes
Das heißt also für die deutsche Automobilindustrie und für den deutschen Markt: Wir müssen uns bewegen. Was schlägst du als Spezialist vor, der beide Seiten relativ gut kennt? Was muss geschehen? Es ist ja nicht nur eine politische Entscheidung, sondern auch eine unternehmerische. Wo wird das hingehen?

Frank Sieren
Im Volumenbereich kann man durchaus einmal von den Chinesen lernen und sich anschauen: Was haben die Chinesen eigentlich gemacht, um in Europa anzukommen? Das ist ganz interessant. Sie haben sich zum Teil in westliche Marken eingekauft oder sie ganz übernommen. Ein Beispiel ist Volvo. Volvo ist seit über 15 Jahren in chinesischem Besitz und weiterhin als Volvo in Europa unterwegs. Im Automobilbereich spielt die Marke durchaus eine wichtige Rolle. Ein anderes Beispiel ist MG, eine der erfolgreichen Marken in Europa. Dort haben sich die Chinesen schon vor rund 20 Jahren die Markenrechte gekauft. In England weiß man zwar irgendwie, dass es inzwischen ein chinesisches Auto ist, aber man kauft eben einen MG. Vielleicht ist das auch eine Strategie für deutsche Hersteller: neben den traditionellen Marken eine moderne chinesische Marke anzubieten. Bei den traditionellen deutschen Marken wird man sich wahrscheinlich an das halten müssen, was ihnen niemand wegnehmen kann – nämlich ihre lange und interessante Tradition. Wenn man deutsche Autos in Zukunft in China verkaufen möchte, muss das Design wahrscheinlich stärker von dieser Tradition erzählen. Das Stichwort lautet für mich: Hightech und Vintage. Das sind zwei Wege, die man sehr gut gehen kann. Der zweite wichtige Punkt im europäischen Markt ist: Wir müssen bei den Kosten wieder wettbewerbsfähig werden. Es ist ja auch nicht so, dass chinesische Autos bei der Sicherheit grundsätzlich schlechter wären. Gerade wieder hat ein chinesisches Fahrzeug einen europäischen Sicherheitstest bestanden und dabei sogar eine bessere Bewertung bekommen als ein Fahrzeug der VW-Tochter Cupra. Man kann also nicht mehr sagen: Das ist billiger Schrott und nicht sicher. Die bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau. Deutsche Ingenieure sagen, deutsche Fahrzeuge seien noch sicherer. Aber in solchen Bewertungen findet das nicht unbedingt seinen Widerhall. Das heißt: Man muss an die Kosten ran. Daran arbeiten VW und andere Hersteller ja bereits. Und da werden alle etwas abgeben müssen, mit dem Ziel, dass am Ende möglichst viele noch etwas haben. Klar ist: Mit dem Kostenniveau, das wir im Moment in Wolfsburg und anderen Städten haben, sind wir international nicht wettbewerbsfähig. So schön das ist – und ich gönne jedem Arbeiter am Band seinen Lohn, seine Überstunden und seinen Urlaub, genauso wie den Mitarbeitern im Management und in der Verwaltung. Wenn wir diesen harten Wettbewerb nicht hätten, könnten wir das alles auch weiterführen. Aber wir sind in einer Situation, in der wir, wenn wir so weitermachen, Gefahr laufen, die deutsche Autoindustrie weitgehend zu verlieren. Deswegen müssen sich jetzt alle schnellstmöglich zusammenreißen, damit wenigstens ein wesentlicher Teil der deutschen Autoindustrie in Zukunft überleben kann. Und ich bin mir nicht sicher, ob diese Botschaft bereits bei allen in ihrer letzten Konsequenz angekommen ist.

Willi Plattes
Ja, wahrscheinlich ist es so, wie du es sagst, lieber Frank. Wir dürfen nicht vergessen: Dieses hohe Lohn- und Kostenniveau hat dazu beigetragen und trägt auch dazu bei, dass wir eines der besten Sozialsysteme der Welt haben. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch Einschnitte geben muss, damit wir diese Sozialsysteme überhaupt weiter bezahlen können. Und das funktioniert nur, wenn wir international wettbewerbsfähig sind.

Frank Sieren
Vor allem sind die Chinesen schon drei Schritte weiter, weil sie inzwischen Autos produzieren, ohne dass dabei noch in großem Umfang Menschen beteiligt sind. Das wird die nächste Welle sein. Dann geht es nicht mehr darum: Wie sind wir mit einem Teil der gegenwärtigen Arbeitnehmer wettbewerbsfähig? Sondern um die Frage: Wie ist man wettbewerbsfähig, wenn kaum noch Arbeitnehmer in der Produktion benötigt werden? Dann stellen sich noch ganz andere Fragen, und wir stehen vor ganz anderen Herausforderungen. Schon jetzt gibt es in China einige sogenannte Dark Factories, also dunkle Fabriken. Die heißen deshalb so, weil die Roboter bei der Arbeit kein Licht brauchen. Dadurch ist natürlich eine noch kostengünstigere Produktion möglich. Und die Chinesen stehen bereits vor Herausforderungen, vor denen die Deutschen vielleicht in zwei oder drei Jahren stehen werden: Was macht man mit all den Menschen? Tatsächlich gibt es schon Diskussionen darüber, dass man schauen muss, dass diese Menschen in anderen, produktionsferneren Bereichen arbeiten, die eben nicht so einfach von Robotern übernommen werden können.

Willi Plattes
Ja, das ist eine umfangreiche Diskussion. Derzeit ist ja auch im Gespräch, dass humanoide Roboter, wenn sie entsprechend eingesetzt werden, einen bestimmten Beitrag in die Sozialversicherung leisten beziehungsweise entsprechend besteuert werden.

Frank Sieren
Das wird wahrscheinlich so sein müssen, sonst geht es gar nicht. Und die Unternehmer werden eine solche Steuer wahrscheinlich auch bereitwillig zahlen, weil sie am Ende trotzdem kostengünstiger produzieren können. Man muss schauen, wie man diesen Zuwachs bei den Gewinnen so verteilt, dass der Unternehmer weiterhin Spaß daran hat, Unternehmer zu sein, und gleichzeitig das Sozialsystem für die Menschen funktioniert. Für die Roboter braucht man das Sozialsystem ja nicht. Die stehen abends im Schrank. Das sind gigantische Aufgaben, und das ist wahrscheinlich so tiefgreifend wie der Übergang von der Kutsche zum Verbrenner. Auch damals ist eine ganze Branche ausgestorben. In England gab es sogar über Jahrzehnte Regelungen, bei denen die Pferdekutschenlobby dafür sorgte, dass vor einem Auto ein Mensch mit einer roten Fahne laufen musste – der sogenannte Red Flag Act –, um vor dieser gefährlichen Technologie zu warnen. Am Ende hat auch das nichts genutzt. Das Auto hat sich durchgesetzt. Deswegen sind diejenigen im Vorteil, die die Realitäten so früh wie möglich anerkennen und sich darauf einstellen. In diesem Fall hilft kein Warten und kein Aussitzen. Das Beste ist, die Herausforderung anzunehmen und so schnell wie möglich so viel wie möglich zu verändern, um für die zukünftige Entwicklung gerüstet zu sein.

Willi Plattes
Ja, lieber Frank, du bist am Donnerstag, den 28. Januar, bei uns und wirst uns dann auch das Auto vorstellen. Der Maextro S800 wird präsentiert.

Frank Sieren
Das geht schnell, bis es Januar ist.

Willi Plattes
Am 28. Januar stellst du das Auto vor, dazu kommen die humanoiden Roboter. Darauf freuen wir uns riesig. Und am Freitagmorgen geht es weiter mit „Powerhouse China“. Da wirst du mit einer weiteren sehr interessanten Persönlichkeit nicht nur über die Automobilindustrie sprechen, sondern auch über die Entwicklungen im Bereich humanoider Roboter und KI. Das ist eine unglaublich bewegende Zeit. Der Wettbewerb zwischen China und den USA: Wo ist da Europa? Spielt Europa überhaupt noch eine Rolle? Kann Europa wieder eine Rolle spielen? Das wird eine ausgesprochen interessante Keynote von dir. Und natürlich freue ich mich auch auf das Panel. Diese Umwälzungen machen mich in diesen volatilen Zeiten ehrlich gesagt verrückt. Ich habe Gespräche mit so vielen Familienunternehmern, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass in der Politik die Realität teilweise nicht mehr wahrgenommen wird. In China scheint das ein Stück weit anders zu sein. Wenn du sagst, die Pferdekutschenlobby war gegen das Auto, dann gibt es viele solcher Beispiele. Auch als in England die Elektrozüge kamen, ist noch lange ein Heizer mitgefahren, obwohl gar nichts mehr zu heizen war. Das ist industrieller Denkmalschutz. Und genau deshalb ist das eine hochinteressante und spannende Situation. Lieber Frank, ich bedanke mich auch noch einmal recht herzlich. Dieses gesamte Thema, das wir mit dem Event und deinem Beitrag „Powerhouse China“ aufgreifen, haben wir gemeinsam mit unserem Medienpartner The Pioneer besprochen. Dafür auch noch einmal meinen Dank. Das wird riesig spannend.

Frank Sieren
Und ich muss dir danken. Es gibt am Ende nicht so viele Leute, die diese Dimension wirklich erkannt haben und sie so prominent in eine Veranstaltung einbauen. Es ist ganz wichtig, dass wir uns damit beschäftigen, dass wir Realismus entwickeln und ganz nüchtern bleiben, wenn wir die Frage beantworten: Wie wettbewerbsfähig sind wir eigentlich noch? Deswegen bin ich sehr froh, dass du dieses heiße Eisen anpackst und verstehst, warum wir uns damit beschäftigen müssen. Es geht nicht darum, Europa oder Deutschland schlechtzumachen. Es geht darum, wie wir wieder mitspielen können. Und das ist ein ganz entscheidender Punkt.

Willi Plattes
Ja, recht herzlichen Dank. Und aufgrund dieser Gespräche mit dir und der gemeinsamen Umsetzung des Programms bei dieser Mandelblüte geht es natürlich noch weiter. Meine Damen und Herren, wir haben als Blockbuster Frank Sieren mit dem Thema „Powerhouse China“. Danach werden wir Professor Hans-Werner Sinn haben, der Deutschland aus seiner Sicht betrachtet, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Realität, politischer Wahrnehmung und politischer Umsetzung. Dann werden wir das Riesenthema Cyberschutz besprechen, unter anderem mit Vorständen der Telekom und von T-Systems. Auch das ist wieder ein Thema, das mit China, mit Souveränität und vielen weiteren Fragen zusammenhängt. Das greift alles ineinander. Und dann natürlich die Frage: Wie reagiert die deutsche Industrie und wie reagiert der deutsche Mittelstand? Der deutsche Mittelstand muss diese Entwicklungen erkennen. Und ich glaube, der Mittelstand hat sie erkannt. Nur die Politik hat es aus meiner Sicht noch nicht ausreichend erkannt. Der Mittelstand fragt sich: Wo gehe ich hin? Wo ist meine Zukunft? Wo expandiere ich? Wo ist das beste Innovationsumfeld? Wir fokussieren das unter anderem über das Thema Mobilität. Man will nicht unbedingt weg, aber man möchte die Möglichkeit haben, unter Umständen wegzugehen – vielleicht sogar nach China. Und finanztechnisch sind Singapur und insbesondere Hongkong natürlich ebenfalls hochinteressant. Meine Damen und Herren, das sind die Themen, die wir anpacken. Und ich möchte zum Schluss noch eines sagen: Meine Wahrnehmung und meine Gespräche deuten immer wieder auf Folgendes hin: Der Mittelstand glaubt im Augenblick nicht daran, dass die Politik diese notwendige Wende bei den politischen und gesetzlichen Umsetzungen und auch beim Mindset schnell genug hinbekommt. Deshalb sagen viele Mittelständler: Jetzt muss ich es selbst anpacken. Denn Jammern ist keine unternehmerische Aktivität. Lieben Dank, lieber Frank, nach Peking. Genieße den Tag. Ich freue mich riesig, dich Ende Januar auf der schönsten Insel der Welt begrüßen zu dürfen.

Frank Sieren
Ich freue mich auch. Und wenn man in China lebt, gibt es fast nichts Schöneres, als nach Mallorca zu kommen.

Willi Plattes
Oh, ich kann das verstehen. Alles Gute. Bis bald.

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